|
Wort des Bischofs
VIII
GENDER - DIE TIEFE UNWAHRHEIT EINER THEORIE
Wort zum Tag der Menschenrechte 10. Dezember 2013
von Msgr. Dr. Vitus Huonder
Bischof
von Chur
Wort
zu Ehe und Familie
Dieses Bischofswort kann auf den Zweiten Adventssonntag,
8. Dezember 2013, hin in der Presse veröffentlicht werden.
Chur, 1. November 2013
Brüder und Schwestern im Herrn, in meinem letztjährigen Wort
zum Tag der Menschenrechte habe ich daran erinnert, dass die
Menschenrechte ihren Grund in der Menschenwürde haben. Diese
wiederum hängt mit der Schöpfungsordnung zusammen und ist
gottgegeben. In diesem Jahr möchte ich diese Überlegungen
konkretisieren und mich zur Ideologie des Genderismus , kurz Gender
, äußern. Ich tue dies nicht zuletzt auch deshalb, weil sich immer
wieder Gläubige in dieser Sache an mich wenden. Sie sind beunruhigt
durch die staatliche Vereinnahmung ihrer Kinder zugunsten des
Genderismus und durch die politische Infragestellung von Ehe und
Familie.
Was bedeutet der
Begriff Gender?
Der Begriff Gender
leitet sich vom lateinischen Wort Genus ab, ein Begriff, der vor
allem für das grammatische Geschlecht verwendet wird.
Während der Begriff der
Sexualität das biologische, von der Natur gegebene Geschlecht meint,
soll der Begriff Gender das sogenannte soziale Geschlecht
bezeichnen. Dieses sei vom biologischen Geschlecht unabhängig und
bedeute, dass jeder Mensch sein Geschlecht und seine sexuelle
Orientierung frei wählen könne, ob er Mann oder Frau sein wolle, ob
er hetero-, homo-, bi- oder transsexuell leben wolle.
Was ist das Ziel der
Ideologie des Genderismus?
Das Ziel des
Genderismus ist, dass jede "sexuelle Identität" als gleichwertig
akzeptiert wird.
In diesem Sinn
geschieht die konkrete gesellschaftliche Durchsetzung dieser
Ideologie unter anderem durch das vermeintliche Recht
gleichgeschlechtlicher Paare, zu heiraten und Kinder zu adoptieren,
oder durch die (Homo-)Sexualisierung der Kinder in Kinder- garten
und Schule.
Wie ist der
Genderismus zu beurteilen?
Vordergründig geht es
im Genderismus um die Gleichstellung der Geschlechter auf allen
gesellschaftlichen Ebenen.
Die Unterdrückung der
Frau zum Beispiel, wie sie in manchen Gesellschaften und Kulturen
noch immer vorherrscht, wird zu Recht beklagt.
Sie entspricht nicht
der Ebenbürtigkeit von Mann und Frau, die in der Schöpfungsordnung
grundge-legt ist und in der Heilsordnung entfaltet wird.
Insofern hat der
Genderismus etwas Bestechendes an sich.
Tatsächlich handelt es
sich bei dieser Ideolgie aber um einen Angriff auf Ehe und Familie
als die tragenden Strukturen unserer Gesellschaft.
Ungerechtigkeit im
Verhältnis der Geschlechter kann durch die Leugnung der
Geschlechterpolarität nicht behoben werden. Deshalb lehnt die Kirche
die Ideologie des Genderismus ab.
Dazu die folgenden
Punkte:
Der Genderismus
leugnet die Schöpfungsordnung
Die Erschaffung des
Menschen als Mann und Frau ist eine Vorgabe des Schöpfers. Darüber
kann und darf der Mensch nicht verfügen. Der Schöpfungsbericht sagt,
dass Gott den Menschen in seiner Bipolarität erschaffen hat: "Als
Mann und Frau schuf er sie" (Gen 1,27). Er schließt mit der Fest-
stellung, dass alles, das ganze Schöpfungswerk, sehr gut war, somit
auch die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau (Vgl. Gen 1,31).
Der Genderismus leugnet
die Vorgabe der Natur Der Mensch existiert, so die
Schöpfungsordnung, als Mann oder Frau. Die naturwissenschaftlichen
Erkenntnisse sagen uns:
Jede seiner
Körperzellen ist entweder männlich oder weiblich.
Dies ist eine klare
Vorgabe seiner Existenz.
Die unterschiedliche
kulturelle Prägung als Mann oder Frau hebt diese Polarität nicht
auf.
Der Genderismus ist
wissenschaftlich unhaltbar
Obwohl sich der
Genderismus wissenschaftlich gibt, halten seine Grundlagen der
Wissenschaft nicht stand. Viele ausgewiesene Forscher widersprechen
den Ergebnissen der "Gender-Studies". Dass es psychische und
physische Störungen der Geschlechtsidentität gibt, hebt die
grundsätzliche Verschiedenheit von Mann und Frau nicht auf.
Der Genderismus
zerstört Ehe und Familie
Darauf wurde bereits
hingewiesen. Die Ehe beruht auf der gegenseitigen Ergänzung von Mann
und Frau. Ehe und Familie sind die Grundeinheit der Gesellschaft
(vgl. die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948). Sie
sind die Bedingung für den Erhalt der Gesellschaft und ihre
kulturelle Entfaltung. Sie setzen die verbindliche und dauerhafte
Einheit von Mann und Frau voraus.
Der Genderismus
betrachtet jede sexuelle Praxis (lesbisch, schwul, bisexuell,
transsexuell) als gleichwertig mit der Heterosexualität.
Alle Lebensformen
sollen zur "Ehe" und damit zu künstlichen Reproduktionsmethoden und
zur Kinderadoption berechtigen.
Dem Menschen wird auf
diese Weise die moralische Orientierung für den rechten Gebrauch
seiner Freiheit genommen, der ihn zur Elternschaft befähigt, zur
Aufgabe einer Mutter oder eines Vaters.
Der Genderismus
schadet der Frau
Wie bereits angedeutet,
kann die Geringachtung der Frau nicht durch das Verwischen der
natürlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau überwunden werden,
auch nicht durch ein Streben der Frau nach Gleichheit mit dem Mann.
Die Frau muss besonders auch in ihrer lebenserhaltenden Aufgabe der
Mutterschaft von der Gesellschaft geachtet werden.
Ihre Leistung darf
nicht nur an ihrem beruflichen Einsatz gemessen werden. Sie muss
vielmehr für ihr Muttersein anerkannt werden, zum Beispiel im
Steuer- und Rentenrecht.
Der Genderismus
schadet dem Mann
Im Machtkampf gegen den
Mann stigmatisiert der feministische Genderismus den Mann als
"Täter" und verklärt die Frau als "Opfer". Dieser klischeehafte
Dualismus entspricht nicht der Realität und beschädigt die Identität
des Mannes sowie dessen Selbst- und Fremdwahrnehmung.
Der Genderismus
schadet dem Kind
Das Kind muss sich in
der stabilen Ehe seiner (biologischen) Eltern entfalten können. Die
Zerstörung von Ehe und Familie durch den Genderismus führt bei
Kindern und Jugendlichen immer häufiger zu psychischen Störungen.
Man schafft staatliche Ersatzstrukturen, die Kindern und
Jugendlichen aber niemals die gleiche Liebe und Geborgenheit geben
können, wie dies in der Familie der Fall ist.
Die Auslieferung von
Kindern an gleichgeschlechtliche Paare beraubt sie der Grundlage
einer ge-sunden psychischen Entwicklung.
Eine unmoralische
sexuelle Aufklärung zerstört in den Heranwachsenden jedes
Feingefühl.
Der Genderismus
nimmt totalitäre Züge an
Mit großer Sorge sieht
die Kirche, dass in öffentlichen Diskussionen und in den Medien mehr
und mehr nur noch die Argumente des Genderismus toleriert werden.
Wer anders denkt, wird
gesellschaftlich ausgegrenzt und muss mit juristischen Sanktionen
rechnen. Auf diese Weise werden die Grundrechte des Menschen
bezüglich Religion und freier Meinungs-äußerung zunehmend
beschnitten.
Der Genderismus
verdunkelt den göttlichen Sinn der Liebe zwischen Mann und Frau
Das Verhältnis Gottes
zum Menschen, von Jesus Christus zur Kirche, wird in der Heiligen
Schrift in der Sprache der ehelichen Liebe beschrieben.
Gott liebt sein Volk
wie der Bräutigam seine Braut. Jesus Christus ist seiner Braut, der
Kirche, in treuer Liebe hingegeben bis zum Tod am Kreuz. Die Braut
erwartet voll Sehnsucht ihren Bräutigam. In der lebendigen Beziehung
zu Christus und der Kirche können die Rivalität, die Feindschaft und
die Gewalt, welche die Beziehung von Mann und Frau belasten und
entstellen, überwunden werden.
Diese Sicht des
Glaubens wird durch den Genderismus verdunkelt.
Die Quintessenz
Papst Benedikt XVI.
sagte in seiner Ansprache vor dem Kardinalskollegium und der Kurie
am 21. Dezember 2012
zum Genderismus:
"Die
tiefe Unwahrheit dieser Theorie und der in ihr liegenden
anthropologischen Revolution ist offen- kundig ... Wo die Freiheit
des Machens zur Freiheit des Sich-selbst-Machens wird, wird
notwendigerweise der Schöpfer selbst geleugnet und damit am Ende
auch der Mensch als göttliche Schöpfung, als Ebenbild Gottes im
Eigentlichen seines Seins entwürdigt.
Im
Kampf um die Familie geht es um den Menschen selbst. Und es wird
sichtbar, dass dort, wo Gott geleugnet wird, auch die Würde des
Menschen sich auflöst.
Wer
Gott verteidigt, verteidigt den Menschen."
Ich ermutige alle
Gläubigen, ihre gesellschaftlichen und politischen Rechte und
Pflichten wahrzunehmen, damit die in der Schöpfungs- und
Erlösungsordnung grundgelegte Würde des Menschen auch in der
rechtlichen Ordnung unseres Gemeinwesens weiterhin und umfassend zum
Ausdruck kommt.
Für jeden
diesbezüglichen Einsatz danke ich herzlich. Ich empfehle alle und
alles der
Mater divinae gratiae ,
der Mutter der göttlichen Gnade,
und erteile allen
meinen bischöflichen Segen
+ Vitus, Bischof
von Chur |